Der Fluss Wien: Vom Wildwasser zum verborgenen Fluss
Der Fluss Wien wird von den Wienern einfach nur „die Wien“ genannt. Für mich ist es der Wienfluss – was wohl die offiziellste Bezeichnung für das Wiener Gewässer ist. Der Wienfluss ist von der Wassermenge her der größte Zufluss der Donau in Wien. Viel wichtiger: Er gab der Stadt ihren Namen. Der Wienfluss und seine Regulierung sind direkt mit der Entstehung des Naschmarkts verbunden.
Der Verlauf und Charakter des Flusses
Der Fluss Wien entspringt im westlichen Wienerwald, genauer gesagt am Kaiserbrunnberg bei Rekawinkel in Niederösterreich. Er hat eine Gesamtlänge von etwa 34 Kilometern, wovon etwa 15 Kilometer innerhalb des heutigen Wiener Stadtgebiets liegen. Trotz seiner relativ geringen Länge gilt die Wien aufgrund ihres Gefälles und der geologischen Beschaffenheit des Wienerwaldes als Gebirgsfluss oder Wildwasser. Dies stellte damals die größte städtebauliche Herausforderung dar: Die Böden im Einzugsgebiet lassen kaum Wasser versickern, weshalb die Wassermenge bei Regen binnen kürzester Zeit extrem ansteigen konnte, was immer wieder zu verheerenden und häufigen Hochwassern in Wien führte. Gumpendorf wurde früher regelmäßig überschwemmt. Vor der Regulierung beanspruchte das Flussbett an manchen Stellen eine Breite von mehreren hundert Metern und änderte ständig seinen Verlauf.
Die Regulierung und die Überbauung: Fluch und Segen
Bis ins späte 19. Jahrhundert hinein war der Wienfluss, besonders im Stadtgebiet, ein doppeltes städtebauliches Problem. Erstens diente der Fluss als Seuchenherd, da er zur Entsorgung sämtlichen Unrats und Fäkalien genutzt wurde. Bei niedrigem Wasserstand im Sommer wandelte sich das Gewässer in einen stinkenden Seuchenherd, was Ausbrüche von Krankheiten wie der Cholera (ab 1831) begünstigte. Zweitens hatte die Wien keinen Hochwasserschutz. Um diese Probleme in den Griff zu bekommen, beschloss die Stadt Ende des 19. Jahrhunderts die Wienflussregulierung (1895–1899). Der Fluss wurde in ein künstliches, kanalartiges Betonbett gelegt, um die Hochwassergefahr zu bannen.
Im Zuge der Umgestaltung wurde der Wienfluss überbaut. Über weite Strecken, insbesondere zwischen dem Stadtpark und der U-Bahn-Station Kettenbrückengasse, verschwand der Fluss komplett unter der Erde. Nur so konnte der heutige Platz beim Naschmarkt und damit auch der Markt entstehen.
Die untrennbare Verbindung zum Naschmarkt
Die Wienflussregulierung ist der Grundstein für den heutigen Naschmarkt, da sie die nötige Fläche für die Stände des Marktes entstehen ließ. Die Überwölbung des Flusses in dem Bereich zwischen der Rechten Wienzeile und der Linken Wienzeile schuf überhaupt erst die Fläche für den Markt. Wo einst das wilde Flussbett war, entstand eine nutzbare Fläche, die als neuer Marktplatz dienen konnte. Im Zuge der großen Stadtentwicklungsprojekte wurde der ursprüngliche Markt (damals noch „Aschenmarkt“) Anfang des 20. Jahrhunderts (um 1905) auf diese neu gewonnene, überdachte Fläche entlang der Wienzeile verlegt.
Die gesamte Marktstraße mit ihren drei parallelen Zeilen aus Ständen und Lokalen steht also auf einer gigantischen, unterirdischen Betonkonstruktion, unter der der Wienfluss heute als kanalisierter Bach fließt. Man kann also sagen: Wenn man heute über den Naschmarkt spaziert, fließt der Fluss Wien direkt unter den Füßen der Besucher und unterhalb der Marktstände. Architekten wie Otto Wagner planten in dieser Zeit sogar, die Ufermauern und die überdachte Fläche der Wien zu einem prachtvollen städtischen Boulevard – einer Art „Broadway von Wien“ – auszubauen.
Weiterführende Links
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